
Deutschland hat einen erbarmungslosen Finanzminister.

Das mag an sich für einen Finanzminister keine Untugend sein, wenn man, wenn's ums Geldausgeben geht, weder Freund noch Feind kennt. In wirtschaftlich guten Zeiten kann man durchaus durch rigoroses Sparen einen Haushalt sanieren und dadurch seinen finanziellen Spielraum für die Zukunft vergrößern.
In schlechten Zeiten kann man sich aber auch totsparen. In einer Volkswirtschaft ausgegebenes Geld verschwindet eben nicht, wie das Haushaltsgeld der
schwäbischen Hausfrau, sondern ist für die,

die es bekommen ein Einkommen, gegen mehr oder weniger brauchbare Waren oder Dienstleistungen. Darauf bezahlen sie dann Steuern, die wiederum dem Staat zugute kommen. Spart man zu arg, dann werden durch die geringere wirtschaftliche Aktivität weniger Steuern fällig, und weniger Einkommen für den Staat. Am Ende hat er vielleicht gespart, was die Ausgaben betrifft, aber die Einnahmen sind ja auch geringer. Unterm Strich bleibt so möglicherweise noch weniger übrig.

So denkt die ganze Welt in der Finanzkrise.
Unser Finanzminister denkt anders. Man muss Peer Steinbrück allemal zugute halten, dass er unser aller Geld nicht leichtfertig ausgeben will. Man kann jeden Euro schließlich nur einmal ausgeben. Und es ist schwer zu erkennen, wann man aufhören muss, zu sparen, und auf Ausgeben umschaltet. Steinbrück sieht den Moment noch nicht gekommen; aber wenn er den rechten Zeitpunkt verpasst, kann es schon zu spät sein. Dann passiert gerade das, was er eigentlich vermeiden wollte: er gibt Geld aus und die Wirkung "verpufft".
Soweit, so schlecht. Egal, wie hart uns der Wirtschaftsabschwung trifft, irgendwann kommen wir da wieder heraus. Da bin ich Optimist.
Was sich nicht so leicht wieder einspielen lässt, ist verlorenes Vertauen. Man kann ja Bedenken haben und diese auch vertreten. Aber, so wie gerade unser Finanzminister im Porzellanladen "aufräumt", verspielt er und mit ihm die Kanzlerin das ganze Kapital, das Deutschland als überzeugte Europa-Nation die ganzen Jahre hinweg angehäuft hat.
Für Steinbrück sind alle anderen Nationen anscheinend
ein Trupp von Lemmingen, die einen fröhlichen Ausflug machen, und das Schlimme ist, er sagt es ihnen auch noch. Wer den ganzen wirtschaftlichen Sachverstand der restlichen Welt ignoriert,
einschließlich des Nobelpreistragers, muss schon ein mords
Ego Selbstvertrauen haben.
Merkel und Steinbrück erzählen allen, die es nicht hören wollten, dass deutsche Extraausgaben im Ausland »verpuffen« würden. Mag sein, aber erstens ist das »Ausland« hauptsächlich die EU, also eine Art »Inland«, und zweitens ziemt es einer Wirtschaftssupermacht (Nummer eins in Europa, Nummer drei in der Welt) nicht, wie ein Zukurzgekommener zu reden. Niemand profitiert mehr von Europa als der Exportweltmeister; deshalb dürfen die Deutschen ruhig etwas mehr in Europa investieren als die Kleineren.
Wie bei allem macht auch hier der Ton die Musik, und deshalb
sind die Briten vergrätzt.
Damit könnte ich ja noch leben. Aber
ein nationaler Alleingang von Deutschland ist etwas Neues. Wenn einer der bisherigen Bannerträger Europas von der Fahne geht, hat das schon ganz schön Symbolkraft, und
wäre auch nicht in unserem Interesse. Auch die Bürger Deutschlands meinen, dass das nicht gut sein kann.

Jetzt gibt es schon bei der Bekämpfung der Finanzkrise keine gemeinsame Linie, und beim Klima
hat Super-Merkel auch ihre Vorreiterrolle aufgegeben: Sie outet sich ganz ungeniert als Lobbyistin der deutschen Industrie.
Wie gesagt, eine gewisse
Rigorosität ist ja an sich nichts Schlimmes, wenn man damit einem bestimmten Zweck dient. Wenn man aber so
rigide (sprich: unbeweglich) ist, dass eine ablehnende Antwort zur Haltung wird und automatisch erfolgt, hat das mehr von einem trotzköpfigen Kind als von einem autonom handelnden Erwachsenen.
Verwunderlich ist auch, dass die SPD, insbesondere
Frank-Walter Steinmeier die strategische Chance nicht nutzt, um sich von der Union und der Kanzlerin in wirtschaftlichen Dingen abzuheben und zu profilieren.
Die SPD war früher einer nachfrageorientierten Politik gegenüber nicht abgeneigt:
Weshalb hören wir nichts vom Kanzlerkandidaten Steinmeier zu diesem Thema?
Dies ist die Stunde des Finanzministers und der Kanzlerin. Beide agieren als Tandem in dieser Frage und rühmen ihre hervorragende Zusammenarbeit. Und ich sage: Die Ergebnisse sind unzureichend, sind halbherzig und der konjunkturpsychologischen Situation nicht angemessen und potenzieren die Gefahr, dass wir noch stärker in den Abwärtstrend, auch beim Blick auf deutsche Arbeitsplätze, hineinrutschen. Sie könnten durchaus Schlimmeres verhüten, wenn man entschlossen gegensteuern würde. Das Zusammenspiel zwischen dem sehr vehement auftretenden Finanzminister und der von ihm fachlich dominierten Kanzlerin führt zu unzureichenden Ergebnissen auf europäischer Ebene: Dieses Tandem wird langsam zu einem Duo fatale.

Kurzum, ich will keinen Kanzler, der ein nationales Süppchen kocht, hieße er Steinmeier oder Merkel. Der Finanzminister bliebe uns wahrscheinlich so oder so erhalten. Ich will nicht, dass unser Europa mutwillig kaputt gemacht wird.
Waren die letzten 50 Jahre denn nur ein Schönwettertraum, den man so leichtfertig auf´s Spiel setzt?
Bildnachweis: Wikipedia, campact.org, geralt und erysipel / pixelio.